Tagesspiegel
2003



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TIP
2003



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Regioartline - das Online-Kunstmagazin
08. Januar 2003
von Ingo Flothen


OOPS - WAM BLAM BURST
Imposantes für die Schlossplatzbebauung von Berlin. Nach Axel Schultes präsentiert nun auch der Architekt Helge Jäger seinen Masterplan.
Die Sache mit dem Phallus in der Architektur ist eigentlich schon seit langem klar. Sicher, nicht jeden in der Menschheitsgeschichte erbauten Turm wird man zur wohlfeilen Freudschen Sexualsymbolik umdeuten können, zumal nicht alles, was so heißt - man denke nur an Pieter Breughels Turm zu Babel, jene spitzseitig angefressene, gedrungene Stummel-Zikkurat -, sich an des Mannes Statur auch als besonders prächtiger Zierrat erwiese. Von der kniffligen Dienlichkeit ganz zu schweigen. Doch kommt auch der (und die) zart Besaiteste nicht umhin, sich zu wundern über manch formale Ähnlichkeit zwischen wehrhaftem Bauwerk und himmelstürmendem Gemächt. Oder wie anders sollen all die putzigen Häubchen gedeutet werden, die kulturübergreifend altehrwürdige Moscheenminarette ebenso krönen wie neuzeitliche Skyscraperentwürfe von Peter Cook oder Lebbeus Woods? Der adretten Hütchen - oft genug noch mit aufschießendem Stahlstrahl verziert - sind zu viel, als dass wir auch weiterhin getrost von engelgleicher Architektenunschuld ausgehen könnten. Um aber auch die letzten rührend-arglosen Konfirmandenseelen von der manngöttlichen Omnipotenz der Türme zu überzeugen, geht es auch ganz konkret: Hans Hollein etwa läßt IHN - als Wolkenkratzer für Chicago entworfen, doch besser geeignet zur Illustrierung eines Lehrbuchs der Biologie - nervig aufstreben, und der Revolutionsarchitekt Ledoux legt IHN samt Anhang kurzerhand flach, um in den dergestaltigen Grundriss ein langes Freudenhaus zu zeichnen: unter der Kuppel ein prachtvoller Salon, in den Testikeln besinnliche Galerien und im Stammhaus - selbstredend - die Séparéés der Lustbarkeiten. Stanley Tigerman schließlich macht 1978 als Erster unzweideutig Ernst und baut nach Ledoux' viriler Vision ein gemütliches, wenngleich notgedrungenerweise auf ein allzu trauriges, geradezu Mitleid erregendes Maß geschrumpftes Privatdomizil am Michigansee: Daisy House. Eingang von oben.

Superman und Eisenman

Und nun also haben wir einen weiteren. Oh Allmächtiger! Nicht gebaut in Stahl und Glas, sondern herrlich getuscht auf Papier, aus vielerlei Sicht. Und die Testikel beherbergen hier... Doch lassen wir das. Die Rede ist von Helge Jägers neuem Architekturcomic Ito-San und die Sushi-Fritzen AG.

Berlin ist fest in den Händen der japanischen Baumafia, und Bestechung und Korruption und Prostitution sind an der Tages- und Nachtordnung. Der Plot ist schnell erzählt: Der Architekt Piet Nickelmann wird als Bauleiter angeheuert von der Tashumi Building Corporation. Es geht um die Bebauung des Schlossplatzes in Berlin. Die Baugenehmigung ist kein Problem, denn Senatsverwaltung und Denkmalbehörde werden großzügig entlohnt - mit schweren Geldkoffern und leichten Mädchen. "Wer sich weigert, dient dem Fortschritt der Stadt als sicheres Fundament." Das bringt Nickelmann und seinen Journalistenfreund Michi von der Tageszeitung Der Seher auf den Plan. Publizistische Aufklärung soll den Baustopp erwirken. Doch die beiden heißen weder Super- noch Batman, und also kann auch die Präsentation der Nippon-Entwürfe vor dem Planungsausschuss der Bundesregierung nicht vereitelt werden. Vor allem der Entwurf Kretinawas gefällt - dank der bewährten Koffer. Und die freudige Erregung ist so groß, dass er kurz darauf steht: Als unumstößliches Zeichen der standhaften Republik küsst der Cocktower den Himmel von Berlin. - Soweit das OOPS. Das darauf folgende WAM BLAM BURST mag der Leser selber schauen.
Dass sich hier kein pickliges Jüngelchen, seine hormonellen Allmachtswallungen projizierend, auf die pubertäre Kritik einer gewaltigen Architektur versteift, beweist allein schon, dass sein Bild eben nicht krumm ist, vielmehr gerade - wie ja auch schon die handfesten Männerphantasien von Hollein, Ledoux und Tigerman. Wenn der Architekt Jäger das Gegockel und Geschwelle seiner Profession auf die phallische Spitze treibt, so illustriert er nur machtvoll, dass so manche Höchstleistung seiner Kollegen sich anderer Potenz verdankt, als der des Geistes. Man schaue nur nach Lower Manhatten: Wer hat den größten? Foster? Oder Libeskind? Wahrscheinlich Eisenman. Immerhin: ökologisch sauber sind alle. - Ausgerechnet hier übrigens - im Zentrum der Dildokratie par exellence, auf Ground Zero - muss der Satiriker Jäger seinen Stab demutsvoll an den kabbalistischen Komiker Libeskind weiterreichen. Oder sollte der Baumeister es womöglich Ernst gemeint haben mit dem Vorschlag, die Höhe seines WTC-Towers mit genau 1776 Fuß am Jahr der amerikanischen Unabhängigkeits-erklärung zu orientieren? Wenn doch, Jäger, sei nicht traurig ob des versäumten Gags, mussten doch selbst die brillantesten Satireköpfe immer wieder vor der Realität sich huldvoll, gar neidisch verneigen.
Trotzdem. Der Wirklichkeit weiß unser Comiczeichner noch so manches abzuschauen, das dann in seiner Feder - ordentlich zugespitzt - zu bösem Spott und Hohn gerinnt. So werden die angestellten Architekten in den Entwurfsfabriken so genannter Entwickler flugs zu dem, was sie auch sind: Galeerensträflinge, angekettet an Zeichentische, bei der geringsten Nachlässigkeit von martialischen Aufsehern gepeitscht - KAWÄTSCH. Oder die Großbaustelle: ein einziger Kriegsschauplatz wüster Drohungen und unsinniger Befehle, lauter Westen-taschenrambos. Jeder kleine Angestelltenarchitekt weiß, wovon Jäger erzählt und wird jedes einzelne Zäpfchen der weit aufgerissenen Brüllmäuler sofort als das seines Poliers oder Chefs wiedererkennen. Das Pendant zum derben Alpha-männchengezote der Baugruben und Rohbauten hören wir dann in der gestylten Szenebar (Extasy-Design: Verner Panton?), wo die Großen der Baumeisterzunft - von Muthesius und Adolf Loos über Max Taut bis hin zu Renzo Piano - im wabernden Architektenidiom gepflegt aneinander vorbeiparlieren. So halten sie's noch heute: Und also entlarvt Jäger bei Drinks wie Bloody Corbu oder FLW on the rocks auch endlich (erfrischend naiv, wenn auch für das Stripgenre zu lang) Eisenmans poststrukturalistischen Derrida-Diskurse als künstlich aufgeblasenes, für die Architektur letztlich recht unfruchtbares Imponiergebrabbel - als intellektuellen Godemiché gewissermaßen, als Fake-Orgasm-Show à la Meg Ryan.

Doppelter Mies

Das Beruhigende an einer Comicbesprechung ist, dass sie dem späteren Leser inhaltlich kaum etwas vorwegnimmt, leben die Strips doch in erster Linie von und durch ihre Zeichnungen. Wenn Jägers Text manchmal auch etwas klappert, so treibt doch seine Beherrschung des Stifts gewiss jedem Kunstabsolventen die Neidtränen in die Augen. Nicht nur, dass da virtuos konturiert, gestrichelt und schraffiert wird, seien es Architekturpersiflagen, Charakterköpfe oder einfach nur nackte Haut, nein, auch alle anderen Register werden gezogen - und beherrscht: Parallelmontage, Totale, Halbtotale, Zoom, Lichtregie und vor allem immer wieder: verwegene Perspektiven. Das ganze Repertoire der filmischen Mittel also, an den Branchenbesten orientiert, zu munteren Bildräumen komponiert.
Auf die Frage nach dem besten amerikanischen Schriftsteller soll John Steinbeck wiederholt gesagt haben: "Mir fällt kein anderer ein als Capp". Jener Al Capp also, der in den 1930er Jahren mit dem von ihm konzipierten Comic Li'l Abner gegen McCarthys Kommunistenhatz zu Felde zog. Vom Comic als Schund und Lesediät bis hin zur Kunstform, die literarischen Esprit, künstlerisches Können und Engagement für sich beanspruchen konnte, war ein langer Weg - auf dem übrigens, aufrecht und verwegen, auch Lyonel Feininger ging. Und noch länger dauerte es, bis ein Schriftsteller, Michael Chabon nämlich, zu Anfang unseres Jahrtausends Mut und Idee fand, dem Bastardgenre der funny papers auch ein literarisches Denkmal zu setzen. Zu Beginn seines bewegten und bewegenden Romans Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay wird der aufstrebende Comiczeichner Josef - er soll sein Talent unter Beweis stellen - gefragt: "Kannst du das Geräusch eines Furzes malen"? - Ich bin sicher, Jäger wäre von Kavalier und Clay, den späteren New Yorker Comic-Königen, in ihr Team aufgenommen worden. Und nicht nur wegen des zeichnerischen Geschicks. - Also denn: Einen doppelten Mies, bitte. Und: "See you in the funny papers."
Ingo Flothen
 


Tip 25/2000, S.92


media
guten flug

Drosophila Melanogaster ist die bekannteste der Taufliegen, auch Essigfliegen genannt (Drosophilae). Als Versuchstier für die genetische Forschung züchtet man sie unter anderem auch im Biologie-Unterricht, sie wird etwa 2,5 mm lang, mit rötlich-gelben Thoraxrücken, und lebt gern in der Nähe von faulenden und gärenden Stoffen. Auch Berlin fault und gärt in Helge Jägers Comic "Drosophila Melanogaster", in dem der Wahlberliner aus der Sicht einer solchen Fliege die kranke Metropole durchquert, um dabei über den Sinn des Lebens zu philosophieren.
In Berlin anzutreffende Menschen sind dort überwiegend baden-württembergischer Herkunft, sind brutale Parasiten, die sich die Sinne mit Drogen, Religion und Kunst zu vernebeln suchen oder sich Blut spritzend über den Haufen knallen...
Aber die Insekten planen ja schon die Machtergreifung - und General Anopheles naht mit Verstärkung...
Ganz schön drosophilosophisch.


 

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